September 2026
Teatro alla Scala Ehrenabend für Edra
Tanz und Design: Sie sind keine getrennten Welten mehr, sondern komplexe Gefüge, die in einen intensiven Dialog treten und sich so weit aneinander reiben, bis sie ein einziges, gemeinsames Erfahrungsfeld bilden. Darin liegt die tiefere Essenz des Edra-Ehrenabends im Teatro alla Scala in Mailand am 23. April 2026, der den jungen Talenten der Ballettschule und des Orchesters der Accademia Teatro alla Scala anvertraut ist und unter der musikalischen Leitung von Maria Seletskaja steht. Umgestaltet in ein Resonanzfeld aus Körpern, Objekten und Musik, wurde die Bühne des berühmten Opernhauses zu einem schwebenden Raum, auf dem eine gemeinsame Erfahrung greifbarer Fantasie inszeniert wurde. Das Design fügte sich organisch in die Choreografien der Tänzer der Accademia del Teatro alla Scala ein, während die Bewegungen den Objekten eine lebendige, vermenschlichte Dimension schenkten.
Der Abend beginnt mit Presentazione, einer von Frédéric Olivieri, Direktor des Balletts des Teatro alla Scala und Leiter der Ballettschule, konzipierten Choreografie zu den Études von Carl Czerny kreiert wurde. Dabei handelt es sich um einen visuellen Atlas der Ausbildung – eine Progression, die den gesamten Bogen des Lernens der Tänzer abbildet: Von der ersten, noch unreifen Geste bis zur vollendeten Beherrschung des Körpers und der Schritte. Das Stück lässt sich als treffende Metapher für die Arbeit von Edra lesen. Wie in einer Ballettschule baut sich auch im Unternehmen das Wissen durch eine tägliche, tief geschichtete Praxis auf. Man beginnt mit einer essenziellen Grammatik, um zu einer Komplexität zu gelangen, die ihre kompromisslose Präzision bewahrt. Jeder Schritt ist notwendig. Jedes Detail trägt dazu bei, jene Exzellenz zu formen, die immer dann aufblitzt, wenn Technik und Vision eins werden.
Eine intimere Resonanz erhielt der Abend durch den Auftritt von Humberto Campana, dessen Italienisch von den melodischen Echos und Akzenten seiner brasilianischen Heimat getragen wurde. Der Designer begann mit der Erinnerung an jenen Moment, in dem alles, was danach kommen sollte, beinahe abgebrochen wäre.
„Edra“, erinnerte er sich, „entschied sich ausgerechnet in dem Moment für die Produktion des Sessels Vermelha, als mein Bruder Fernando und ich kurz davor waren, aufzugeben. Niemand schien an uns zu glauben. Doch dann verstand plötzlich jemand unsere Vision.“ In diesen Worten verdichtet sich ein entscheidender Wendepunkt, der gleichermaßen für das Design wie für den Tanz gilt: Es ist der schwebende Augenblick, in dem jemand die Notwendigkeit einer neuen Form erkennt. Und genau das tut Edra – indem das Unternehmen kreative Bahnen kreuzt, Visionen unterstützt und das möglich macht, was sonst vage geblieben wäre.
Nach dem bewegenden Gedenken an seinen im November 2022 verstorbenen Bruder Fernando verließ Humberto die Vorbühne, und Musik und Tanz eroberten den Raum zurück. Mit Rossini Cards von Mauro Bigonzetti gewinnt die choreografische Formensprache eine neue, fließendere Dimension. Eine lange Tafel, die die gesamte Bühne einnahm, wurde zum choreografischen Element und zu einem symbolischen Ort der Beziehung. Die Tänzer bewegten sich im Unisono und bauten einen musikalischen und visuellen Rhythmus auf, während Rossinis Partitur eine treibende Dynamik aus Präzision und plötzlichen Beschleunigungen vorgab. Die Sessel Vermelha und die Stühle Janette der Brüder Campana verschmolzen harmonisch mit dem Tanz. Ihr kunstvolles Geflecht brachte eine taktile, organische Komponente ins Spiel, die mit den Körpern korrespondierte und deren Präsenz auf der Bühne verstärkte. Die Choreografie durchschritt die Péchés de vieillesse (Sünden des Alters) in einem Wechselspiel aus Duetten und Soli, die sich in den Raum einschrieben, bis hin zu einem fulminanten Finale, in dem sich das Rossini-Crescendo in pure, progressive Energie entlud. Die Beziehung zwischen Musik und Körper nahm hier eine beinahe architektonische Qualität an: Sie entwickelte sich durch Akkumulation, Spannung und Entladung. Ein Prinzip, das auch der Arbeit von Edra eigen ist, wo jedes Projekt aus der sensiblen Balance zwischen Kontrolle und Freiheit entsteht.
Der Höhepunkt des Abends wurde mit Bolero X von Shahar Binyamini erreicht. Fünfzig Tänzer auf der Bühne, durchdrungen von einem einzigen, pulsierenden Takt, der die Körper in Teile eines größeren Organismus verwandelte. Ravels Thema schwoll wie eine Welle an – von der intimen Dimension der anfänglichen Flöte bis hin zum ekstatischen Tutti. Beeindruckend war die Qualität der Beziehung, die sich zwischen den Tänzern aufbaute: Keine Individualität drängte sich in den Vordergrund. Alles basierte auf einem permanenten Austarieren des Raumes, auf einem gegenseitigen Zuhören, das Vielfalt in Einheit verwandelte. In diesem kollektiven Gefüge erkennt man die tiefe Wesensverwandtschaft zum gestalterischen Ansatz von Edra. Jedes Objekt entsteht aus einem dichten Geflecht von Kompetenzen, Händen und überliefertem Wissen, die einen tiefen Einklang finden. Das Ergebnis manifestiert sich als ein lebendiges System, in dem jedes Element nur in Relation zum anderen existiert.
Unterschiedliche Künste begegnen sich in einem zukunftsgewandten Streben, das die Tradition durchdringt und sie verjüngt. Die Scala und Edra teilen dieselbe Vorstellung von Exzellenz: ununterbrochene Prozesse, Risikobereitschaft und die Offenheit, das Potenzial einer Form zu erkennen, die erst noch entstehen muss.
„Ich arbeite nun seit genau fünfzig Jahren“, sagte Valerio Mazzei in seinem Grußwort. „Moden, Trends und am Reißbrett entworfene Strategien liegen meiner Welt und Edra fern. Ich lasse mich nicht einmal vom reinen Instinkt treiben. Aber vielleicht ist das auch nur eine Illusion, und es ist in Wahrheit genau dieser Instinkt, der mich leitet.“ In diesem Oszillieren zwischen Kontrolle und Hingabe offenbart sich ein weiterer gemeinsamer Zug von Tanz und Design. Die Arbeit nimmt Gestalt an innerhalb eines Prozesses, der jedes Mal aufs Neue entsteht. Eine Praxis, die Zeit, aktives Zuhören und tiefes Vertrauen erfordert. Und die in dem einen wie in dem anderen Fall einem tiefen, dauerhaften Ideal von Schönheit nachspürt.





