Die Liberty-Villa in der Landschaft von Ostuni, eingebettet in die mediterrane Macchia.
September 2026
Eine Jugendstil-Villa in Ostuni
Die zeitgenössisch reinterpretierte Architektur sucht den Dialog mit der Landschaft – im Zusammenspiel von Stein, Weiß, Schatten und Natur.
Es gibt Orte, an denen das Licht keine messerscharfe Präzision besitzt; es zwingt nicht dazu, die Augen zusammenzukneifen, und zeichnet die Konturen der Objekte nicht in harten Profilen nach. Es ist ein warmes, einhüllendes Licht. Es legt sich auf Oberflächen, Steine und Vegetation, auf die dicken, weißen Mauern, die es reflektieren und die Wärme nur langsam wieder abgeben. Es berührt die Haut und dringt nach und nach tief ein. In Ostuni scheint die Zeit stillzustehen. Man verspürt das Bedürfnis, zu schweigen und den Blick in einer Horizontlinie zu verlieren, an der nicht mehr auszumachen ist, wo das Land aufhört und das Meer beginnt. Zuerst die Weite uralter Bäume, dann niedrige Sträucher, die ausgetrocknete Erde, noch mehr Pflanzen und schließlich das ferne Blau. Die Wahrnehmung der Grenzen ist vage und wundervoll: Alles scheint fließend in etwas anderes überzugehen.
In dieser auch physisch spürbaren Atmosphäre – Klima, Atem, Temperatur, Sonne – ist das Projekt von ArchRodio verortet: eine Residenz inmitten der Landschaft, eingebettet in hellen Stein, mediterrane Macchia und das silbrige Grün der Olivenbäume. Der Entwurf stammt aus der Feder von Flavia Irene Rodio und Giuseppe Mancuso. Er entfaltet sich im Zusammentreffen eines historisch gewachsenen, vielschichtigen Gebäudes mit einer ausländischen Bauherrschaft, die das Projekt diskret und bewusst begleitet hat und darauf bedacht war, die Schönheit des Ortes zu respektieren.
Die Villa ist ein komplexer Organismus, geprägt von aufeinanderfolgenden Veränderungen. Das Erdgeschoss offenbart einen älteren Ursprung: die großen Steine, das dicke Mauerwerk, die Gewölbe und die Zisterne. Der obere Teil ist eine Erweiterung aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, als der ursprünglichen Struktur eine neue dekorative Sprache überlagert wurde, die dem Jugendstil nahesteht. Die Haupttreppe verschwand und wurde, wahrscheinlich in den siebziger Jahren, durch eine diagonale Rampe ersetzt, die dem Wesen der Architektur völlig fremd war.
Der erste gestalterische Eingriff basierte auf Subtraktion und dem Zusammenfügen von Fragmenten: Rückbau dessen, was das Gleichgewicht der Villa störte, um die Fassade wieder zu befreien. „Der Raum besaß bereits seine eigene Poesie“, erzählen Rodio und Mancuso, „es ging also darum, diese wiederzuentdecken.“ Die neue Doppeltreppe hat mit ihrem geschwungenen, symmetrischen Verlauf der Fassade die Anmutung einer fast szenischen Kulisse zurückverliehen. Sie ist ein architektonisches Zeichen, das die Wege strukturiert, die physische wie visuelle Bewegung begleitet und die Villa sowohl zum Vorplatz als auch zum Garten hin öffnet. „Wir haben versucht, sie zu einem zentralen Dreh- und Angelpunkt zu machen, zu einem Bezugspunkt, um den sich alles drehen kann.“ Der Bezug zur Doppelrampe – der an toskanische Villen oder im Gedächtnis der Architekten verankerte Bilder erinnert – wird nicht offen deklariert. Er ist vielmehr unbewusst, gefiltert durch die Harmonie des Ortes. Das Projekt schreitet durch genaues Hinhören voran, indem es bereits vorhandene Fragmente, Höhenniveaus, Mauern, Bäume und Wege neu ordnet.
Das Licht ist das unsichtbare Material des Projekts. In Apulien, so betonen Rodio und Mancuso, steht es in einer radikalen Beziehung zur Architektur: „Alles ist strahlend weiß, rein, während das Thema des Schattens mit aller Macht hereinbricht.“ Mit dem Licht zu entwerfen bedeutet auch, es abzumildern: „Die Architektur ist immer auf der Suche nach einem Filter, mit der Absicht, das Licht zu zähmen.“ Die Doppeltreppe, der Patio, die Filterzonen und die Außenwege folgen dem Rhythmus der Jahreszeiten und der Stunden und bieten so unterschiedliche Orte zum Verweilen: „Im Sommer ist alles eine Flucht vor dem Licht.“ So präsentiert sich die Villa als ein zu Veränderungen fähiger Organismus: Temperatur, Nutzung und Wahrnehmung wandeln sich kontinuierlich.
Die Farbe trägt zu diesem Gleichgewicht bei. Das Weiß ist niemals abstrakt, es ist nicht nur ein Verweis auf die Tradition von Ostuni, sondern ein Mittel, um Tiefe zu erzeugen und Gesimse, Voll- und Leerräume hervorzuheben. Es fungiert zudem als klimatisches Element, das in der Lage ist, das Licht zu reflektieren und abzumildern. Der Stein, das Gedächtnis des Gebäudes, wurde freigelegt und gereinigt; er tritt hier und da zutage. Ein dezentes Blassgrün an Fenstern, Toren und Brüstungen verbindet die Villa mit dem Garten. Im Inneren öffnet die graugrüne Biomalta den Raum für die Reflexe der Olivenbäume, als ob die Natur durch die Qualität des Lichts direkt in die Räume hineinfließe.
Das Projekt meidet jede rustikale oder folkloristische Tendenz: „Es ist keine Masseria und kein Trullo; das hier ist eine Villa, das ist etwas völlig anderes. Der Stein wird nur dort sichtbar gelassen, wo seine Textur Kraft und Authentizität bewahrt. Im Nachtbereich haben wir zudem ein kleines Spa eingerichtet, in dem eine alte Zisterne die Erinnerung an das Wasser bewahrt“, erklären die Architekten. Ein gestalterischer Akt, der diese Historie in eine neue Wellness-Erfahrung verwandelt.
Die Möbel von Edra werden von ArchRodio als Präsenzen inszeniert, die dem Raum Kraft verleihen, ohne ihn zu besetzen. Die Durchblicke im Wohnzimmer und ein alter, teilweise erhaltener Fußboden verlangten nach Präzision: „Wir wollten eine Einrichtung, die Bewegung in den Raum bringt. Standalto erfüllt genau dieses Bedürfnis. Mit seiner freien, dynamischen Form, die an die Rundungen der Fassadentreppe erinnert, verbindet das Sofa Vergangenheit und Gegenwart – mit einer Idee von Eleganz, die subtil und niemals aufdringlich ist.“
Die Gestaltung des Außenbereichs folgt derselben Logik. Der Garten erwächst aus den Höhenunterschieden, den Wegen und den tief verwurzelten Elementen: Zwei alte Weinstöcke formen ein kleines Portal zum Pool, während einheimische Pflanzen, Trockenmauern und Sitzplätze verschiedene Gelegenheiten zum Verweilen zwischen Sonne und Schatten schaffen. Der Pool lässt sich erst nach und nach entdecken; er reflektiert die Villa, die Olivenbäume und den Himmel und verstärkt jene unbestimmte Wahrnehmung von Grenzen, die der Landschaft eigen ist.
Das Licht begleitet das Projekt auch nachts, wenn sich die Villa verwandelt: Die Beleuchtung strahlt von innen heraus, aus den Loggien, den Wandöffnungen und von den Leuchten. „Tagsüber wird die Fassade von der Sonne erhellt, nachts wird das, was dunkel war, zu Licht und umgekehrt.“ In dieser Umkehrung von Voll und Leer, von Schatten und Helligkeit findet das Haus zu seiner authentischsten Form: eine „atmosphärische“ Architektur, die dem Rhythmus der Stunden und der Art, wie sie gelebt wird, folgt.





