„Morning Sun“.
Das Gemälde von Edward Hopper aus dem Jahr 1952, das im Columbus Museum of Art in Columbus, Ohio, USA, aufbewahrt wird.
Oktober 2026
Auf den Spuren tanzender Sterne
Das Licht, das alle Dinge der Welt erst existieren lässt und sie uns vor Augen führt, das den Objekten ihre plastische Form verleiht und uns die Materie spüren lässt, aus der sie beschaffen sind: Nun, allein das würde genügen, um mit Antoine de Saint-Exupéry zu sagen, dass „das Wesentliche für die Augen unsichtbar ist“ – so sehr haben wir uns an die Allgegenwart des Lichts gewöhnt.
Licht ist auch Farbe – jene Farbe, die wir den Dingen zuschreiben, die wir sehen: Selbst wenn es nur eine Fiktion wäre, eine Täuschung des Verstandes, die seit Anbeginn der Zeit andauert – bitte sagen Sie es uns nicht. Verraten Sie uns nicht, dass wir es selbst sind, die in unserem Kopf die verschiedenen chromatischen Schwingungen in Rot, Gelb und Blau und ihre unendlichen Kombinationen übersetzen, während in Wirklichkeit alles in einem einzigen, traurigen Ton gehalten ist. Sollte dem so sein, würde ich vorschlagen, ihn „Nostalgie-Grau“ zu nennen.
Wir wollen weiterhin sehen, wie die Primärfarben miteinander spielen und ein Spektrum neuer Nuancen hervorbringen, das das Große Theater der Natur in all seinen spektakulären Varianten imitiert. Wir sind bereit, mithilfe von KI noch weiter zu gehen und in unerforschte Gebiete vorzustoßen, auf der Jagd nach einer neuen Leuchtkraft, die die Lichttheorien von Aristoteles bis Goethe, von Galileo bis Itten nicht zu entschlüsseln vermochten. Vor allem wollen wir uns vom „Nuancen-Marketing“ befreien, das die Farbe des Jahres diktiert und gleich mehrere davon kürt, weil – nun ja – schließlich Lacke verkauft werden müssen: Uns genügt das „leuchtende Wiesengrün“, das Francesco De Gregori besang – jenes Grün, das „auf unmissverständliche Weise die Existenz Gottes offenbarte“. Et voilà.
Wir wollen das Licht genießen, gewiss, aber ebenso sein Gegenpart, den Schatten. In dieser ewigen Symbiose, in der das Eine durch das Andere lebt und ohne das Andere keinen Sinn ergibt: Letztlich dürfen wir glauben, dass auch dies eine Projektion unseres Inneren nach außen ist – einer Seele, in der Licht und Schatten wohnen, Hell und Dunkel, Misere und Adel.
Schließlich wollen wir davon träumen, mit Lichtgeschwindigkeit zu reisen und mit den Worten des Dichters jene „unendlichen Weiten und übermenschliche Stille“ zu erkunden, in die uns der neue Ferrari nicht zu tragen vermag (der bezeichnenderweise „Luce“ heißt: elektrisch, zu unserem Bedauern). Und vor allem wollen wir das Licht nicht mit dem permanenten Verdruss über die Stromrechnung verknüpfen, die – um es passend auszudrücken – im wahrsten Sinne des Wortes zusehends in die Höhe schießt.
All das und noch viel mehr ist Licht, wir wissen es. Wenn ich auf die Kunstgeschichte blicke, den Gegenstand meiner Studien, habe ich in den Werken immer nach Spuren einer anderen Dimension gesucht. Einer Dimension, die über die reine Darstellung von Formen und Volumen hinausgeht, die die plastische und farbliche Wiedergabe übersteigt, um zum Symbol eines universellen, zeitlosen Gefühls zu werden, das dem Menschen eigen ist. Ein inneres Licht meine ich, das fähig ist, die Seele zu erhellen und Emotionen, Gefühle, Leidenschaften hervorzubringen. Aber auch Zweifel und Unruhe.
„Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können“, schrieb Friedrich Nietzsche: Wenige Worte, die die schmerzhafte Geburt des kreativen Prozesses erklären, in dem sich der Künstler von den Konformitäten seiner Zeit befreit und einsam seinen eigenen Weg sucht. Nur so gelingt es ihm, ein Meisterwerk zu schaffen.
Und nun bin ich hier, auf der Jagd nach tanzenden Sternen. Meine Reise begann bei Sogno di Costantino (Der Traum des Konstantin), gemalt von Piero della Francesca in der Apsis der Kirche San Francesco in Arezzo zwischen 1452 und 1459: In genau dieser Szene, fast auf Augenhöhe, nutzt Piero das Licht – und insbesondere eine Figur, die dem Betrachter seit fast 600 Jahren eine immer aktuelle Frage stellt.
Doch betrachten wir zuerst die Geschichte. Wir schreiben das Jahr 312 n. Chr. . In der Nacht vor der Schlacht gegen Maxentius an der Milvischen Brücke erscheint Kaiser Konstantin im Traum ein leuchtendes Kreuz. Eine Stimme sagt zu ihm: “In hoc signo vinces” (“In diesem Zeichen wirst du siegen”). Er lässt das Kreuz auf die Schilde seiner Soldaten zeichnen und schlägt die feindlichen Truppen vernichtend.
Piero zeigt den Herrscher schlafend in einem Zelt, das von zwei Soldaten bewacht wird, während sein treuer Diener am Bett wacht. Ein Engel schwebt herbei, das Kreuz in der Hand, und plötzlich ist die Nacht nicht mehr dieselbe. Die Dunkelheit wird von einem unnatürlichen Leuchten durchschnitten, das den Geist des Kaisers erhellt und die Anwesenden wie gelähmt zurücklässt. Der linke Soldat bleibt im Schatten, abgewandt, in der ersten echten Gegenlichtdarstellung der Kunstgeschichte; der andere, wie versteinert, starrt mit aufgerissenen Augen unter seinem Helm hervor.
Zwischen den beiden steht Konstantins Diener. Genau in dieser nachdenklichen Figur, halbwegs zwischen Schatten und Licht, also zwischen dem Realen und dem Göttlichen, umhüllt von einer Atmosphäre der Unruhe und Entfremdung, scheint Piero sich selbst und auch jeden von uns darzustellen: Es ist der Mensch, der mit dem Kopf in die Hand gestützt über das Geheimnis des Lebens nachsinnt, darüber, was danach kommt, und über die Gegenwart des Transzendenten in unserer Existenz. Ein Bild, das nicht beruhigt, sondern das Gewissen aufrüttelt, das uns heute erreicht und uns vor ein großes Problem stellt. „Und ihr, auf welcher Seite steht ihr?“, scheint es uns zu fragen.
Es ist das Licht als Ausdruck eines Seelenzustands. Und so finde ich, auf den Spuren tanzender Sterne, Vermeers Dienstmagd mit Milchkrug (um 1659) wieder. Auch sie eine bescheidene Magd, die der holländische Maler in der Küche porträtiert, während sie Milch in eine Schale gießt. Alles vollzieht sich mit Achtsamkeit und Ruhe, die Geste ist gemessen, ringsum herrscht Stille.
Und doch ist da etwas. Ein Detail, das die Perfektion bricht, eine Nuance, die eine Ausnahme im Werk des Künstlers darstellt, etwas kaum Verborgenes, aber eindeutig Gewolltes. Wie in fast allen Interieurs von Vermeer fällt das Licht von links durch ein Fenster ein und löst sich dann in eine Vielzahl leuchtender Staubkörner auf, die den Weidenkorb, das Brot, den Krug und das Mieder der Frau treffen – in einer Art Pointillismus, der zwei Jahrhunderte vor Seurat vorweggenommen wurde.
Doch die Stirn der Frau nicht, sie liegt im vollen Licht. Und um diesen klaren, gleichmäßigen Akzent zu setzen, greift der Maler zu einer List: Er bricht eine der kleinen, grauen und schmutzigen Fensterscheiben entzwei und lässt genau dort einen Sonnenstrahl hereinbrechen. Eine winzige, fast unmerkliche Unvollkommenheit als Hommage an die Realität, aber auch eine Botschaft: Das Licht erleuchtet den Geist.
Wir selbst sagen noch heute voller Bewunderung, dass ein Mensch „ein erleuchteter Geist“ ist, wenn er sich von den Widrigkeiten des Lebens freimachen kann, um inneren Frieden zu finden. In dieser einfachen Frau, die ganz in eine alltägliche Handlung versunken ist, scheint Vermeer einen Geisteszustand andeuten zu wollen, nach dem er vielleicht selbst strebte – wenn man bedenkt, dass er sein Leben lang darum kämpfen musste, seine Familie mit zehn Kindern zu ernähren und einen Berg von Schulden abzutragen. Hier kehrt das von Nietzsche aufgeworfene Thema zurück: das Chaos der Existenz und die Suche nach innerer Ruhe. Umso mehr für jemanden, der wie der Maler zum Katholizismus konvertiert war, aber in der calvinistischen Stadt Delft lebte.
Gehen wir weiter auf diesem Weg. Zwei Jahrhunderte später, in der Epoche der Romantik, ist es die Natur, die tausend Inspirationen bietet. Sie faszinierten einen Maler wie William Turner, der in den leuchtenden Wirbel des Himmels und die entfesselte Wut der Elemente verliebt war – jenes Schauspiel, das im Menschen von jeher eine Mischung aus Schrecken und Entzücken hervorruft. Die Emotion, sich angesichts der Energie des Universums klein und schutzlos zu wissen.
Den tanzenden Stern habe ich in einem der Meisterwerke aus der Reifezeit des englischen Malers gefunden: Die letzte Fahrt der »Fighting Téméraire« wird zu ihrem letzten Ankerplatz geschleppt, um abgewrackt zu werden (1838). Hier beugt Turner die Kräfte der Natur vor einem Ereignis, das jenes weit verbreitete Gefühl der Ungewissheit vermittelt, das spürbar wird, wenn die Geschichte plötzlich die Richtung ändert.
Die Szene zeigt einen glühenden Sonnenuntergang am Themse-Ufer, der Himmel rot und das Wasser rot reflektierend, wo das Ende eines Tages mit dem Ende einer Ära zusammenfällt. Das Gemälde bezieht sich in der Tat auf ein konkretes Ereignis vom 6. September 1838, das der Künstler von einem Postschiff aus nächster Nähe miterleben wollte.
Turner sieht vor seinen Augen die Téméraire vorbeiziehen, das tapfere Kriegsschiff der britischen Marine, das Admiral Horatio Nelsons Victory in der Schlacht von Trafalgar (1805) beigestanden hatte. Er entschied sich, an ihrer letzten Reise zur Abwrackung teilzunehmen: Dieses Schiff war einst aus fünftausend Eichen erbaut worden, und nun sollte es Stück für Stück zerlegt und das Holz nach Gewicht verkauft werden.
Turner wohnt dem Begräbnis einer tragischen Heldin bei, die siegreich aus einer epischen Schlacht heimgekehrt, nun aber vergessen war. Er malt das Segelschiff in einem durchscheinenden, absolut unrealistischen Weiß: das Porträt eines Geistes, geschleppt von einem Dampfboot, das Feuer und Rauch aus seinem Schornstein speit, während seine großen Schaufelräder das Wasser aufwühlen. Im selben Jahr, in dem Königin Victoria den Thron besteigt, erfasst Turner die Neuheit des Motorboots, des Symbols der Industriellen Revolution. Ringsum sind die Kräfte der Natur angetreten, um dem kühnen Segler die letzte Ehre zu erweisen, während die Farben der fern versinkenden Sonne in einem von Wolken verhangenen Himmel das Drama des Abschieds spürbar machen.
Gehen wir noch weiter. Ich suche weiter nach dem Licht, das die Emotion beim Übergang von einer Epoche zur anderen zeigt, und finde es im Werk von Giacomo Balla, Lampada ad arco (Straßenlaterne), von 1909. Das Gemälde hat eine Straßenlaterne zum Motiv – eine jener Neuerungen, die mit ihrem Erscheinen das Flair der Nächte in der Stadt veränderten. Der Maler macht sie zum Sujet seines Bildes, um das Licht auf völlig neue Weise zu beschreiben: Er geht über die reale Darstellung der Dinge hinaus, experimentiert mit den Ansätzen des Divisionismus und lässt die Lampe von tausend kleinen gelben, roten und blauen Pfeilen vibrieren, die die Dunkelheit erhellen und eine magnetische Atmosphäre schaffen.
Doch vor dem Hintergrund dieser Myriade leuchtender Splitter malt er eine kleine Mondsichel: Wie er selbst Jahre später erklären sollte, wollte er beweisen, dass „der romantische Mondschein vom Licht der modernen elektrischen Lampe überwältigt wurde“. Das Bild greift den futuristischen Impuls von Filippo Tommaso Marinetti auf, der den Mondschein töten wollte – und hier verdunkelt ihn Ballas tanzender Stern endgültig.
So sind wir dabei angelangt, die Zukunft dem Licht anzuvertrauen, in der Hoffnung auf ein „strahlendes“ Morgen. Diese positive Botschaft finde ich in Edward Hoppers Morning Sun (Morgensonne, 1952) wieder, in dem eine Frau, seine Ehefrau Jo, gerade erwacht ist und von ihrem Bett aus dem Fenster blickt. Sie trägt einen Morgenrock, die Beine angezogen, die Arme sanft darauf abgelegt. Reglos verharrt sie im Betrachten des New Yorker Panoramas; man sieht Dächer, und man kann sich die Stadt darunter vorstellen, voller Leben, Klänge und Geräusche.
Ein bereits starkes und warmes Licht fällt durch ein großes Fenster ein und zeichnet ein Rechteck auf die völlig karge Seitenwand. Die Farben sind zart – Rosa, Grün, Blau, Grau – und verändern sich im Verhältnis zu den wohlkomponierten Schatten, die sich an der Wand und auf dem Betttuch ausdehnen.
Der Körper der Frau, in einer nachdenklichen und intimen Pose, ist das einzige Element, das die strenge Geometrie der Komposition bricht. Sie wirkt wie verzaubert: Der Maler fängt sie in jenem schwebenden Moment zwischen Traum und Wirklichkeit ein, der dem Erwachen eigen ist. Sie blickt geradeaus, und in diesem Blick können wir uns selbst wiederfinden, projiziert in eine Zukunft, von der wir hoffen, dass sie besser sein wird, während wir über die kommenden Jahre nachdenken und getroffene Entscheidungen Revue passieren lassen. Das sind wir, und die Dinge des Lebens.
Hopper zeichnet die Augen seiner Frau wie zwei große, schwarze Pupillen, weit geöffnet, um die ganze Morgensonne aufzunehmen, die mit überraschender Energie in den Raum bricht. Ein Licht, das den Wunsch in sich trägt, den Tag gut zu beginnen, immer und unter allen Umständen positiv zu bleiben. Ein Licht, das den tanzenden Stern zum Leuchten bringt, den jeder von uns in sich trägt.





