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Oktober 2023

FOCUS
Words
Pierluigi Masini

Genius Loci

Ich habe einen Freund gefragt: „Wenn wir über Visionen sprechen, an wen denkst du?“ Er antwortete lächelnd: „An Elon Musk“. Heutzutage ist er der Visionär par Excellence, so wie es Steve Jobs und Sergio Marchionne vor ihm waren. Seine Intuition, was das Elektroauto betrifft, war sicherlich brillant, doch kann man nicht dasselbe von seinen anderen Erfindungen und Wetten behaupten. Also, Vorsicht: Was bedeutet es wirklich, eine Vision zu haben? Ist eine Vision eine Eigenschaft, die nur der persönlichen Sphäre angehört, das Ergebnis eines Genies, oder ist sie etwas, das man durch viel Studium und Anwendung erreicht? Und welchen Einfluss hat der Genius Loci? Das heißt, wie wirken sich die Eigenschaften des Gebiets, in dem er geboren wurde, auf den Menschen aus?

Während diese Fragen in meinem Kopf herumschwirrten, wurde ich an ein kleines, nur 17 mal 17 Zentimeter großes Gemälde von Raffael aus dem Jahr 1503 erinnert, das sich heute in der National Gallery in London befindet. Es trägt den Titel „Der Traum des Ritters“ und zeigt einen jungen Mann in Rüstung, der auf dem Boden mit glückseligem Gesichtsausdruck auf seinem Schild schläft und von zwei schönen jungen weiblichen Figuren an seinen Seiten begleitet ist. Eine ungewöhnliche Ikonographie und daher faszinierend. Das Thema ist philosophischer Natur und führt uns zurück in das Florenz der Medici und zur neuplatonischen Akademie von Careggi, einem Kreis von Intellektuellen, Architekten und Künstlern, der in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts von Marsilio Ficino gegründet wurde. Ein Ort der Gelehrten, die es liebten, unter anderem über das schwierige Gleichgewicht zu diskutieren, das der Mensch zwischen Seele - die von Natur aus danach strebt, sich zu Gott zu erheben - und Körper, der ständig zur Sünde neigt, finden muss. 

Raphaels Thema stammt aus dem „Somnium Scipionis“, dem letzten Teil des sechsten Buches von Ciceros „De Republica“, in dem Scipio gezwungen ist, zwischen Tugend und Vergnügen zu wählen. Und in der Tat ist unser Ritter zwischen Pallas auf der linken Seite, die ein Schwert und ein Buch trägt, Symbole des aktiven militärischen Lebens und des Studiums (Virtus), und Venus auf der rechten Seite, die ihn einlädt, sich ihr hinzugeben, indem sie ihm eine Blume reicht (Voluptas), dargestellt. Der Ritter befindet sich in der Mitte und träumt in den Armen von Morpheus. Er verharrt in einer Welt, die nur für wenige Stunden in der Stille der Nacht existiert. Nach der neuplatonischen Philosophie, die ihren größten Aufschwung in Florenz fand, kann sich der Mensch nur durch das Gleichgewicht von Tugend und Vergnügen, von Virtus und Voluptas verwirklichen. Er muss einen Weg finden, Instinkt und Vernunft, Seele und Körper in Einklang zu bringen. Er sucht seinen Weg entlang eines schmalen Pfades.

Da ist es: Was der Ritter im Traum realisiert, mit seinem geistigen Auge sieht, ist eine Vision. Etwas, das bei seinem Erwachen ihn dazu bringt, Gutes zu tun und einen Weg einschlagen lässt, der ihm das höchste Ziel, die Unsterblichkeit der Seele, garantiert. Für die Neuplatoniker ist die Vision eine Botschaft, die ihn im Traum erreicht, wenn die Seele am reinsten und frei von der Beschränktheit der Sinne ist. 
Ich habe Raffael erwähnt, doch sollte man nicht vergessen, dass in jenen frühen Jahren des 16. Jahrhunderts Leonardo in dasselbe von spekulativen Studien geprägte Milieu, nach Florenz zurückkehrte, um dort zu arbeiten. Das Genie Leonardo, das bereits in Mailand bedeutende Spuren hinterlassen hatte, lockte viele Künstler nach Florenz, die neugierig auf sein Werk waren. Bei seiner Arbeit an dem großen Fresko der Schlacht von Anghiari in der damaligen Sala del Gran Consiglio im Palazzo Vecchio, zieht er die Enkaustiktechnik der Freskotechnik vor: Dabei verwendet er eine dickflüssige Farbe, bei der die Farbpigmente in Wachs und Öl gebunden werden. Doch das Gemälde ist, trotz der riesigen heißen Feuersschalen, die er im Kampf gegen die Zeit auf die Wand gerichtet hat, schwer zu trocknen: es nützt nichts, die Farbe tropft unaufhaltsam auf den Boden oder verblasst. Das Genie experimentiert und scheitert also, wie schon einige Jahre zuvor beim Letzten Abendmahl im Kloster Santa Maria delle Grazie in Mailand. Und Vasari sollte einige Jahrzehnte später Leonardos Spuren mit einer weiteren Schlacht decken, derjenigen, die wir heute sehen. 

Leonardo war in jenem Jahr nach Florenz zurückgekehrt nachdem er eine Zeitlang in der Romagna Valentino gedient und schließlich Zuflucht in der neu gegründeten Republik von Pier Soderini gefunden hatte, der auch den jungen Künstler Michelangelo zu sich ruf, mit dem sich Leonardo niemals vertragen sollte. Neben seiner Arbeit im Palazzo Vecchio legte Leonardo auch Hand an sein wohl berühmtestes Werk, das Porträt von Lisa Gherardini, der Gattin von Francesco Bartolomeo del Giocondo (daher der Name Gioconda).
Wenn wir uns Brunelleschi und Piero della Francesca, also die Erfindung der Linearperspektive ansehen, dann Leonardo, der ein so breites Spektrum an Tätigkeiten abdeckte, und schließlich die Neuartigkeit der Bildsprache von Raffael und Michelangelo betrachten, können wir uns inmitten dieser Explosion von Neuigkeiten gut vorstellen, dass auch ihre Vision von jenem vitalen, einzigartigen und erkennbaren Element begünstigt wurde, das die alten Römer genius loci nannten. 

Der Genius Loci, auch Geist des Ortes genannt, - der durch ständige Gaben besänftigt werden muss, um seinen Zorn zu meiden -, ist zum Merkmal einiger Figuren geworden, die an bestimmte Gebiete gebundenen waren. Einige Innovationen, so manche einsame Ausdrucksformen von Visionen, werden vom Genius Loci bevorzugt und konnten bzw. können nur dort, an diesem bestimmten Ort vorkommen. In der Toskana, zum Beispiel. Ein kluger Soziologe wie Giampaolo Nuvolati, der sich seit langem mit Aspekten der Kreativität im Zusammenhang mit Territorien befasst, hat kürzlich über die Beziehung zwischen der Ebene und dem Mythos der Geschwindigkeit nachgedacht und dabei auf die Landschaft der Poebene verwiesen, in der Enzo Ferrari und Ferruccio Lamborghini geboren wurden. Oder über die Beziehung zwischen dem pulsierenden und lebendigen Muranoglas und der Transparenz und den schillernden Reflexen des Wassers in der Lagune von Venedig. Im Grunde genommen ist also der Genius Loci etwas, das wir in uns tragen, dieser alte Geist, der in uns wohnt und uns mit dem Sinn für Schönheit und Proportionen, Formen und Farben beglückt. Indem er von der Ästhetik zur Ethik gleitet, offenbart er uns die Grenze zwischen dem, was richtig und falsch ist.
Aber kommen wir zurück zur Vision, die von einer persönlichen Intuition zu einer Unternehmensperspektive wird, zu dem, was das Unternehmen werden will. Zu dem, wovon es träumt. Eine Vision wird nur durch ihre Umsetzung bzw. durch die tägliche Arbeit verwirklicht, sodass dieses imaginäre Ziel Schritt für Schritt erreicht werden kann. Sie allein reicht jedoch nicht aus, wenn sie nicht von einem hartnäckigen Willen begleitet wird, der den Traum in die Realität umwandelt. Walt Disneys Motto „If you can dream it, you can do it“ macht uns wieder zu Kindern und damit zu reinen Menschen. Die Reinheit der Seele des Ritters.

Da wir nun auf den Hochglanzseiten Ihres Magazins schreiben, stellen sich einige Überlegungen zu Edra von allein an. Was ist die Vision, die Edra verfolgt? Was hat sie seit ihrer Gründung vor 36 Jahren angestrebt? Kann man davon ausgehen, dass der Genius Loci auch hier eine Rolle spielt?

Für mich lässt sich die Vision von Edra in diesen wenigen Worten zusammenfassen: Sofas und Möbel herstellen, die der Zeit trotzen. Produkte, die sich nicht an der Mode des Augenblicks orientieren, sondern ihren Charakter und ihre Schönheit über einen sehr langen Lebenszyklus hinweg bewahren können. Ein großes Wagnis, ganz im Gegensatz zu der mehr oder weniger programmierten Obsoleszenz, an die uns die Massenkonsumgesellschaft gewöhnt hat. Edra schlägt Wohnlösungen vor, die auch einen sentimentalen Charakter besitzen Produkte, die dazu bestimmt sind, uns zu begleiten und vom Vater an den Sohn weitergegeben zu werden. So wie man es mit dem Familienschmuck, den Uhren, den antiken Möbeln tut: Dinge, die wir am meisten schätzen, mit denen wir uns umgeben haben und von denen wir wollen, dass sie uns überdauern. Wenn Dinge eine Seele haben - und für mich haben sie das in gewissem Maße -, dann muss diese auf Unsterblichkeit abzielen, so wie es der „Traum des Ritters“ lehrt. 

Um eine solche Vision in die Praxis umzusetzen, bedarf es einem großen Anteil an Innovation. Dino Gavina, einer der Väter des Bel Design, pflegte zu sagen: „Wirklich modern ist, was es wert ist, antik zu werden“. Auf dem Weg zur Umsetzung verfolgt Edra mehrere kohärente Entwicklungslinien. Die erste besteht darin, Produkte mit einem stark innovativen Konzept, das Edra in seiner Geschichte mit den Gebrüdern Fernando und Humberto Campana, mit Masanori Umeda, mit Francesco Binfarè und Jacopo Foggini verwirklicht hat, für lange Zeit in der Kollektion zu halten. Mit seinen Autoren, wie es sie nennt. Autoren und nicht Designer. 

Denken wir einen Moment an die Bedeutung dieser beiden Begriffe. Das Wort Design ist aus dem Edra-Lexikon gestrichen worden, und auch das ist eine echte Herausforderung. In einer Gesellschaft des Scheins, in der das Etikett „Design“ oft unverhältnismäßig verwendet wird, wird es verbannt - obwohl Edra mit Recht den Anspruch erheben kann, dieser Welt anzugehören. Außerdem bezeichnet Edra seine Produktentwickler als Autoren, was sie der Sphäre der Künstler näher bringt und ihre starke Konnotation der kreativen Freiheit anerkennt, die sie von der sonst vorherrschenden Konditionierung durch das Marketing befreit (ein weiteres Wort, das aus dem Organigramm des Unternehmens gestrichen wurde). Der Schwerpunkt liegt auf der Rolle des Autors, der träumt, entwirft und dann mit den verschiedenen Unternehmensvertretern die Idee in ein Produkt umsetzt. Wie in einem Werk von Emilio Isgrò werden durch die Streichung von Wörtern, die im Text nicht benötigt werden, unterschwellige Wahrheiten sichtbar. Dazu gehört bei Edra auch die Entscheidung, einige einzigartige Erfindungen wie das „intelligente Kissen" und den Gellyfoam durch patentierte Technologien zu schützen. Patentierte Erfindungen, sorgfältig gehütete Betriebsgeheimnisse.

Zusammenfassend kann man sagen, dass Edra seine Vision bekräftigen will, die auf eine Vorstellung von Innovation und Schönheit basiert, die vielleicht - und hier kommen wir auf den Genius Loci zurück - nur in der Toskana verwirklicht werden konnte. In einem Gebiet, das schon vor der Renaissance den Menschen, die Kunst und die Erfindungen in den Mittelpunkt stellte. Wo die Handwerkskunst seit Jahrhunderten nach bester Tradition in der Auswahl und Verarbeitung von Stoffen und Leder fortgeführt wird. Eine Vision zu haben bedeutet für Edra, die Zeit herauszufordern und sich auf die Seele der Dinge zu konzentrieren und Gegenstände für das Leben und darüber hinaus zu schaffen. Es bedeutet, nie aufzuhören zu träumen, zu tun und, warum nicht, auch zu fliegen. Denn, wie Leonardo schrieb: „Wenn du einmal das Fliegen gelernt hast, wirst du auf der Erde wandern und den Himmel betrachten, denn dort warst du und dorthin wirst du zurückkehren wollen“.


Pierluigi Masini

Journalist, Hochschulabschluss in Literaturwissenschaft in der Fachrichtung Kunstgeschichte, zwei Master in Marketing und Kommunikation. Unterrichtet Designgeschichte an der Raffles Mailand und Interior Design and Sustainability an der Yacademy. Hat ein Buch über Gabriella Crespi geschrieben.

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