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Quirinale Contemporaneo: auch ein Modell für den Palazzo Borromeo

Edra Magazine N°1 - Words: Cristina Mazzantini
  Cicladi  Die Tische von Jacopo Foggini als Einrichtung des Sala di Druso aus dem 18.

Cristina Mazzantini, Kuratorin der Projekte Quirinale Contemporaneo (Zeitgenössischer Quirinal) und Contemporanei a Palazzo Borromeo (Gegenwartskunst im Palazzo Borromeo) erzählt, wie die Gegenwartskunst und das Design diese Institutionen bereichern.

Um mit wenigen Schlagworten die Erfahrung als Kuratorin und Planerin der Initiativen Quirinale Contemporaneo und dann Contemporanei a Palazzo Borromeo, die zweihundert zeitgenössische Werke in die Sitze des Präsidenten der Republik und fünfundzwanzig in die italienische Botschaft im Vatikan gebracht hatten, zu beschreiben, würde einfach ein einziges Adjektiv reichen: unvergesslich. Um aber die Komplexität der Arbeit zusammenzufassen, benötigt man ein paar Worte mehr.
Es handelte sich in der Tat um eine vielseitige und außerordentliche Erfahrung, die durch eine fruchtbare Teamarbeit mit den verschiedenen Büros des Sekretariats des Präsidenten der Republik und der italienischen Botschaft im Vatikan, mit den Künstlern und den Archiven oder den Stiftungen, die sie vertreten, mit den Designern und den Unternehmen und schließlich mit den Verlegern der Kataloge, der Treccani und der Fondazione Listri per le Arti Visive. Deren aufrichtige und stolze Teilnahme wurde von Mal zu Mal aufregender.

Es war eine komplexe Erfahrung, weil beide Projekte verschiedenen Verpflichtungen unterworfen waren und dank des Beitrags pro bono der Teilnehmer realisiert werden konnte. Es war aufwendig, weil die Projekte eine holistische Herangehensweise erforderten, um neben den vornehmlich historisch—artistischen Profilen hinsichtlich der Auswahl der Autoren, auch den notwendigen Schutz der Stätten und der diversen Aspekte im Hinblick auf die Museographie und die Restaurierung, auf die Gestaltung und die Inneneinrichtung zu berücksichtigen . Es muss betont werden, dass beide Projekte, wenn auch in anderem Ausmaß, sich nicht auf die bloßen Aktivitäten der Organisation einer jeden Ausstellung, also die Auswahl und Disposition der Werke, beschränkt haben, sondern dass sie eine skrupulöse Neugestaltung des Inneren und der Gärten erforderten, die dazu dienen sollten, das Image von Palästen, die neben dem musealen Aspekt heute unser Land präsentieren, zu erneuern. Bei dieser Gelegenheit wurden also einige Innenräume, die keine organischen oder originalen, dekorativen Objekte bewahrten, wie das Torrino des Quirinals und der Salon der Wandteppiche im Palazzo Borromeo, in ihrer Gesamtheit neu geplant, wobei dem Design ein großer Raum eingeräumt wurde.

Die Erfahrung war außergewöhnlich, weil sie eine innovative Denkweise hervorgebracht hat, die dazu führen soll, die visuelle Identität der Niederlassungen dieser Institutionen neu zu erfinden, um sie mit der Zeit Schritt halten zu lassen. Quirinale Contemporaneo, ein starker Wunsch des Präsidenten Sergio Mattarella, wurde als in fieri -Projekt unter der aufmerksamen Direktion des Generalsekretärs des Präsidenten der Republik  Ugo Zampetti realiziert und hat den Palast in den Strom der Zeit zurückgeführt, hat ihn dynamisch, wandelbar und beeinflusst vom Verstreichen der wandelnden Kunstsaisonen gemacht. Das Projekt hat Schule gemacht, wie die Initiative Contemporanei Palazzo Borromeo unter der Förderung des Botschafters Pietro Sebastiani zeigt. Sie unterscheidet sich von anderen Initiativen, die in der Vergangenheit von anderen Institutionen, wie der Farnesina, der Camera dei deputati (Abgeordnetenkammer) oder dem Bundestag durch den Ankauf von zeitgenössischen Kunstwerken zur Förderung der nationalen Kreativität oder zur Verschönerung ihrer Sitze ins Leben gerufen worden sind. Diese Institutionen konnten sich in der Tat keines bemerkenswerten artistischen Erbes rühmen, im Gegenteil, sie strebten nach der Kreation neuer Kollektionen oder danach Restaurierungsprojekte zu vollenden. 2011, zum Beispiel, erlebte ich selbst die Einführung zeitgenössischer Kunst in der neuen Aula der Gruppi Parlamentari und der Kreation des Premio Camera dei deputati per i 150 anni dell’Unità d’Italia (Auszeichnung der Abgeordnetenkammer zur 150-Jahrfeier der Vereinigung Italiens), um eine artistische site-specific Kulisse für den neuen Hemizyklus zu schaffen, auch in diesem Fall unter der Führung von Ugo Zampetti, damals noch Generalsekretär dieses Zweigs des Parlaments.

Im Quirinale war die Situation dagegen völlig anders: der Palazzo ist ein wunderbares Beispiel der Konservation und die Schätze der Ausstattung, die in ihrem Inventar mehr als hunderttausend Kunstwerke zählt, ist herausragend. Die zweite wichtige Neuheit des Quirinale Contemporaneo war die Einführung der Logik des modernen Wohnens über das  Design Made in Italy in den Repräsentationsräumen, die mit der Absicht des Präsidenten Mattarella entstand, die Idee des Museums zu überwinden, um dem Quirinale ein Bild zu geben, das näher an dem des Zuhauses der Italiener war.

Die wahre Herausforderung der Projekte Quirinale Contemporaneo und Contemporanei a Palazzo Borromeo war daher, eine harmonische Integration der angekauften Werke mit dem historischen Hintergrund zu erreichen, um die Paläste mit neuer Energie wieder zu beleben. Eine Absicht die bereits in den Namen der Projekte erklärt wird, in denen der Wunsch ausgedrückt wird, die zeitgenössischen Kunstwerke zusammen mit den Palästen zu zeigen. Die Entscheidung die Schätze der öffentlichen Museen nicht anzurühren und sich ausschließlich an Künstler und Unternehmen zu wenden, die bereit waren ihre Werke als kostenlose Leihgaben oder als Schenkungen zur Verfügung zu stellen, hat diese, wegen des Prestiges dieses Orts, an sich heikle Operation, so gewinnbringend gemacht: Man darf nicht vergessen, dass im Quirinale, der seit 1583 die höchste Magistratur des Staats beherbergte, die größten Talente der letzten vierhundert Jahre gearbeitet hatten und dass 1561 Papst Pius IV. von Medici Pirro Ligorio mit dem Bau des Palazzo Borromeo beauftragt hatte, und daher war es unter diesen Prämissen nicht von vornherein abzusehen, dass die Integration vor dem bereits Existierenden bestehen konnte.

Die bisher erlangte Erfahrung durch die lange Arbeit in herrlichen Sitzen wie dem Palazzo Farnese oder dem Palazzo Montecitorio, in denen das Abwechseln von Architekten und Künstlern vom Kaliber wie Michelangelo und Vignola, oder Bernini und Fontana zeigt, dass Vergangenheit und Gegenwart nie aufhören sich neu zu konfigurieren, hat mir beigebracht, dass man die Geschichte vertiefen muss, um in den Orten eine Resonanz zu finden, ehe man über irgendeine Umwandlung sprechen kann. Mich hat überzeugt, dass man die Harmonie zwischen Antikem und Neuem gewährleisten muss und diese glückliche kulturelle Kontinuität, die in Italien so überrascht, um die Aura nicht dem Kontext zu entziehen und sie vielmehr zu verbessern. Mit den Jahren ist in mir die Überzeugung gewachsen, dass der einzigartige und wundervolle Charakter der Architektur und Landschaft Italiens genau in der jahrhundertealten Stratifizierung von Werten und Erinnerungen der Kunst und Schönheit besteht, die neben jeder Form der Avantgarde eine, wie auch immer geartete, Beziehung mit unserer kreativen Tradition unabdingbar macht. Eine Tradition, die nach dem Gustav Mahler zugeschriebenem Aphorismus, „nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers“ sein muss; Tradition, die Salvatore Settis zitierend “bedeutet, etwas zu erben und vornimmt Besitz zu ergreifen, um es in etwas anderes zu verwandeln.” Deshalb darf, vor allem in den Palazzi mit Repräsentationsfunktion, die graduelle und kontinuierliche Stratifikation der Architektur nicht zu lange aufgeschoben werden. Den Studenten des Preservation Design vom Politecnico in Mailand sage ich oft, dass die Orte ausgelöscht und sie zur Materie der Studie der Archäologie werden, wenn die ihnen innewohnende Dynamik der Architektur im Zusammenhang mit der Evolution ihres Gebrauchs stehen bleibt; andersherum, dass sich die Architekten für Räume interessieren, die sich im Gleichklang zwischen der Konservierung und der Innovation weiterentwickeln können. Plätze leben genau dort, wo die Stratifikation weitergeht und die Generationen dem bereits Bestehenden etwas Neues hinzufügen können, aber sie werden erst valorisiert, wenn dieses Etwas würdig ist, eines Tages etwas Antikes zu werden. Aus diesem Grund lade ich sie ein, die Herausforderung anzunehmen, mit Methodik das artistische Erbe zu valorisieren, und es ohne Risiko zu erneuern.

Die Erfahrung war außergewöhnlich, weil sie eine innovative Denkweise hervorgebracht hat, die dazu führen soll, die visuelle Identität der Niederlassungen dieser Institutionen neu zu erfinden, um sie mit der Zeit Schritt halten zu lassen.

Aufgrund dieser Erfahrungen und mit dem nötigen holistischen Zugang und der gebührenden Achtung gegenüber der Sensibilität dieser Stätten, wurde diese Erneuerung mit rigoroser Disziplin und dem vollen Respekt, den die Geschichte dieser Orte auferlegt, geplant, dabei aber die Exzesse der Konservierung tout-court außer Acht gelassen. Das Zeitgenössische, das ohne arbiträre Überlappungen oder überflüssige Kontraste eingeführt wurde, lässt diese Institutionen vibrieren und sie werden von den Bürgern als näher wahrgenommen.
Die Werke harmonisieren mit dem Kontext und bereichern ihn so durch ein suggestives Spiel an Verweisen, so dass die zeitgenössische Kunst sich beruhigt mit der Renaissance oder dem Barock vergleichen kann, ohne den sogenannten white-cube oder eine entfremdende Inszenierung.

Die Designobjekte haben durch das Abschwächen der Fülle der Intarsien oder des Leuchtens der Vergoldungen die Tappisserien der Sofas, die Arbeiten aus der Hand der Ebenisten Piffetti oder Maggiolini, die Schatztruhen aus dem 17 Jahrhundert und die Wandteppiche der Medici aufgewertet; des Weiteren haben sie auch die Nutzungsmöglichkeiten der Säle verbessert und diese komfortabler und einladender gemacht.

Die zweihundert Arbeiten, die in den Niederlassungen des Präsidenten der Republik verteilt sind, wie auch die fünfundzwanzig, die die Italienische Botschaft im Vatikan bereichern, haben den Dialog zwischen den Gründungsvätern und den Erben derselben Tradition erneuert und heute scheinen diese Objekte bereits ein Bestandteil der Realität dieser Stätten zu sein.

Um die Strömungen und Hauptpersonen im kulturellen Panorama Italiens der Nachkriegszeit zu illustrieren, sind im Quirinale mehr als fünfzig Künstler und über achtzig Designer vertreten, während der Palazzo Borromeo eine akkurate Auswahl von zehn Künstlern und zehn Designern präsentiert. De Chirico, Afro, Consagra, Fontana, Burri, Pistoletto, Isgrò, Vedova, Manzoni, Castellani, Boetti, Finucci und Listri neben Gio Ponti, Magistretti, Mangiarotti, Sottsass, Castiglioni, Dorfles, Munari, Scarpa, Binfaré, Mendini und Pesce, um nur einige zu nennen.

Edra, die mit Enthusiasmus an beiden Projekten beteiligt ist, scheint diese Philosophie völlig zu teilen. Die ausgewählten Produkte, Ergebnis eines kreativen Genies und Know-how, sind Exemplare der Verbindung zwischen Tradition und Innovation. Die vielseitigen Formen mit skulptureller Valenz, die Qualität der Materialien und die Aufmerksamkeit für Details, verstecken den künstlerischen Anspruch nicht; die “Intelligenten” Kissen mit dem Vorzug der Bewegungsmöglichkeit sind ein Emblem der Innovation im Industriedesign und der technologischen Recherche der Ergonomie.

Im Quirinale sind die kurvenreichen, silbrigen Sofas Flap, Meisterwerke von Francesco Binfaré, die die Besucher in der raffinierten Atmosphäre des Torrino empfangen, ausgestellt, während drei Beistelltische der Serie Cicladi, von Jacopo Foggini mit den zerklüfteten Alabasterplatten, den Salon Sala di Druso aus dem 17. Jahrhundert vervollständigen.

A Palazzo Borromeo erstrahlen drei Sofas Essential, in kardinalroten Samt, um den Salone degli Arazzi (Wandgobelins) aufzufrischen. Die anderen Möbelstücke Margherita und Tatlin, die in der Sala della Loggia und der Galleria di ingresso (Eingang) können sich mit vorurteilsloser Ungezwungenheit mit den Bronzestatuen, den archäologischen Überresten und den anderen Kunstwerken messen. Fast um spielerisch beweisen zu wollen, dass das Design die Anregungen, die aus der Globalisierung und den Anforderungen des Markts stammen, aufgenommen und es verstanden hat, die Produktion neu zu erfinden, und es kann so als eine Art der konzeptionellen, demokratischen Kunst betrachtet werden, die gänzlich das republikanische Italien repräsentiert.


Cristina Mazzantini

Architektin, Kuratorin, Dozentin am Politecnico von Mailand, Autorin von Essays und Abhandlungen, befasst sich beruflich und in ihrer Forschung vorwiegend mit dem Schutz und der Valorisierung von Kulturgütern. Beraterin des Generalsekretärs des Präsidenten der Republik, Zusammenarbeit mit der Verwaltung der Abgeordnetenkammer, dem FAI, der Region Sizilien und der Rai-TG2. Sie war Mitglied der italienischen Kommission der UNESCO und Präsidentin der ISIA von Faenza.


 

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